DIE SCHWERE PAULA UND ANDERE GLÜCKSFÄLLE FÜR REUTTER UND DEN PORSCHE 356

Karosseriewerk Reutter in Stuttgart
Nachtschicht: Auf dem Hof des Reutter-Werks in Zuffenhausen warten fertige Porsche 356 auf ihre Auslieferung am nächsten Tag. (© RECARO)

Schönheit in Serie: Montage der Rohkarossen bei Reutter, um 1953. (© RECARO)

Schönheit in Serie: Montage der Rohkarossen bei Reutter, um 1953.
© RECARO)

„Am Anfang schaute ich mich um, konnte aber den Wagen, von dem ich träumte, nicht finden. Also beschloss ich, ihn mir selbst zu bauen.“ Das berühmte Zitat von Ferry Porsche beschreibt die Geburtsstunde eines Mythos, des ersten Sportwagens unter dem Namen Porsche, genauer: den Porsche Typ 356. Teil 3 des RECARO Rückblicks auf die gemeinsame Sportwagengeschichte mit Porsche führt mitten hinein in die Faszination 356 mit seinen atemberaubend gerundeten Linien, seinem aerodynamischem Design und dem 4-Zylinder-Boxermotor im Heck, mitten hinein in das „Abenteuer Großserienfertigung“ beim Stuttgarter Karosseriewerk Reutter (dem Vorgängerunternehmen von RECARO) – und mitten hinein in unzählige Details und Anekdoten, die aus der Zeit der 356-Produktion überliefert sind. Einige Kostproben:

Der Großauftrag kam mündlich. Ferry Porsche erteilte ihn im Oktober 1949 – die verbindliche Zusage an Reutter für die Fertigung von 500 Karosserien und Rahmen für den Porsche 356. Die Zeit drängte, Reutter ging in Vorleistung, musste neue Maschinen und Anlagen bestellen – dieses gegebene Wort zählte. Erst Wochen später kam ein schriftlicher Vertrag zustande. Da waren die Arbeiten längst angelaufen.

Prüfender Blick: Ferdinand Porsche (2. v.r.), Sohn Ferry (rechts), Konstrukteur Erwin Komenda (Mitte) und Reutter-Ingenieur Walter Beierbach (links) im März 1950 beim Begutachten der ersten Rohkarosse des Typ 356. (© Porsche Archiv)

Prüfender Blick: Ferdinand Porsche (2. v.r.), Sohn Ferry (rechts), Konstrukteur Erwin Komenda (Mitte) und Reutter-Ingenieur Walter Beierbach (links) im März 1950 beim Begutachten der ersten Rohkarosse des Typ 356. (© Porsche Archiv)

Adlerauge: Ferdinand Porsche erschien im März 1950 mit Sohn Ferry Porsche und Konstrukteur Erwin Komenda bei Reutter in der Stuttgarter Augustenstraße zur Abnahme der ersten, von Reutter gefertigten 356er-Rohkarosse. Er ging um den Wagen herum, betrachtete ihn lange still und in Ruhe, setzte sich schließlich auf einen Hocker davor. Und befand nach einer Weile, der Wagen müsse zurück in die Werkstatt, er sei nicht symmetrisch. Porsche hatte Recht: Nachmessungen ergaben, dass der Aufbau aus der Mittelachse um 20 Millimeter nach rechts verschoben war. Diese berechtigte Kritik war Ansporn für alle Beteiligten bei Reutter, sie respektierten den Sachverstand und den hohen Qualitätsanspruch ihres Kunden. Gleichzeitig war eine Fertigungskultur geboren: Präzision und Qualität haben oberste Priorität bei Reutter. Diesem folgen wir bis heute.

Keine Teile ohne Paula: Reutter fertigte die ersten Coupés am Stammsitz in der Stuttgarter Augustenstraße. Ein handverlesenes Team von Karosseriespezialisten verschweißte die einzelnen Bleche zur perfekt geformten Außenhaut der 356er Coupés. Kleinere Blechteile wurden von Hand über Holz getrieben, die größeren Zieh- und Pressteile kamen von den Reutter-Kollegen im zweiten Werk Zuffenhausen, wo die Großpresse „Paula“ ihre Arbeit verrichtete. Eigentlich hätte sie von der französischen Besatzung konfisziert werden sollen… war aber zu groß und zu schwer für den Transport. Ein Segen für Reutter!

Einzelstück: Originale Reutter-Karosserie mit der Seriennummer 5006 von 1950 im Automuseum Prototyp, Hamburg. (© Automuseum Prototyp)

Einzelstück: Originale Reutter-Karosserie mit der Seriennummer 5006 von 1950 im Automuseum Prototyp, Hamburg.
(© Automuseum Prototyp)

Zigarrenanzünder und Schlüsseltäschchen: Zum Lieferumfang von Reutter für den Porsche 356 zählten nicht nur Karosserie und Rahmen, sondern auch die Herstellung der Sitze, der kompletten Innenverkleidung, die elektrische Installation und eine Wagenheizung. Auch die Endkontrolle der fertigen Fahrzeuge vertraute Porsche der Firma Reutter an. Variantenvielfalt gehörte von Beginn an dazu: So standen schon 1950 jedem Käufer acht Farbtöne für die Lackierung, sieben Stoffe für die Sitzbezüge und vier Kunstlederbezüge zur Wahl. Bereits vor der Auslieferung des ersten Serienfahrzeugs (mit je zwei Zünd- und Wagenschlüsseln in je einem Täschchen) waren Sonderausstattungen im Gespräch, etwa ein zweites Signalhorn, ein Zigarrenanzünder, ein Radio oder Sitze und Seitenverkleidungen in Echtleder.

Eine zweigeteilte Windschutzscheibe mit Mittelsteg? Heute undenkbar, damals eines der Erkennungsmerkmale für die ersten Porsche 356 bis April 1952. Gewölbte Scheiben waren zwar bereits verfügbar, aber teuer. Übrigens ein Charakteristikum, das den Porsche 356 und den Volkswagen verbindet: Dessen berühmt gewordenes „Brezelfenster“ – die beiden planen Heckscheiben in der unverwechselbaren Form, getrennt durch einen Metallsteg ­– entstand als geniale Notlösung, um Kosten zu sparen.

Herkunftsnachweis: Alle bei Reutter gefertigten Porsche 356 tragen das Typenschild des Karosseriewerks, hier eine der frühen Plaketten. (© RECARO)

Herkunftsnachweis: Alle bei Reutter gefertigten Porsche 356 tragen das Typenschild des Karosseriewerks, hier eine der frühen Plaketten. (© RECARO)

Na Logo! Alle 356er aus der Reutter-Fertigung sind am Karosserieschild mit dem Logo des Stuttgarter Karosseriewerks zu erkennen – es wurde innen an der A Säule auf einem Abdeckungsblech und zudem stets außen auf der rechten Seite zwischen Radlauf und Türe angebracht. Und während die ersten Porsche 356 den Porsche-Schriftzug auf der Fronthaube noch in einzeln aufgebrachten (!) Buchstaben trugen, vermisste bereits einer der ersten 356er-Kunden ein eigenständiges Firmenzeichen. 1951 wurde der „Porsche Preis“ ausgeschrieben, mit dem Ziel, ein Logo für den Sportwagenhersteller zu kreieren. Die eingereichten Vorschläge konnten nicht überzeugen – so zeichneten Ferry Porsche und sein Ingenieur Franz Xaver Reimspiess das heute weltbekannte Porsche-Wappen mit dem springenden Pferd kurzerhand selbst. Ab Ende 1952 zierte das Wappen dann den Hupenknopf am Lenkrad, 1954 wurde es in den Haubengriff über dem Porsche-Schriftzug integriert.

Der als Nischenprodukt auf den Markt gebrachte erste Sportwagen von Porsche entwickelte sich zum Welterfolg. Statt der ursprünglich geplanten 500 Exemplare wurden bis zum Produktionsende rund 78.000 Porsche 356 verkauft – die meisten davon bei Reutter gebaut. Nächste Woche geht es hier im RECARO Blog um die Ikone Porsche 911 – und wie Reutter an deren Geburtsstunde beteiligt war.

Aus einer Hand: Auch die Sitze und die komplette Innenverkleidung gehörten zum Lieferumfang von Reutter für den Porsche 356. (© RECARO)

Aus einer Hand: Auch die Sitze und die komplette Innenverkleidung gehörten zum Lieferumfang von Reutter für den Porsche 356. (© RECARO)

Der Renner: Bereits ein knappes Jahr nach Produktionsbeginn rollte der 500ste 356, ein Coupé, vom Hof des Stuttgarter Karosseriewerks Reutter. (© Automuseum Prototyp)

Der Renner: Bereits ein knappes Jahr nach Produktionsbeginn rollte der 500ste 356, ein Coupé, vom Hof des Stuttgarter Karosseriewerks Reutter. (© Automuseum Prototyp)

Feinste Handarbeit: In der Sattlerei von Reutter entstehen die Sitze für den Porsche 356, im Vordergrund ein Fahrersitz mit Reutter-Liegesitzbeschlag. (© RECARO)

Feinste Handarbeit: In der Sattlerei von Reutter entstehen die Sitze für den Porsche 356, im Vordergrund ein Fahrersitz mit Reutter-Liegesitzbeschlag.
(© RECARO)

Variantenvielfalt: Der Porsche 356 wurde in zahlreichen Modell-, Farb- und Ausstattungsversionen angeboten. Blick in die Endmontage bei Reutter. (© RECARO)

Variantenvielfalt: Der Porsche 356 wurde in zahlreichen Modell-, Farb- und Ausstattungsversionen angeboten. Blick in die Endmontage bei Reutter.
(© RECARO)