Archiv von Mai 2018

TOP SECRET: WAS RECARO MIT PORSCHE UND DEM VW KÄFER VERBINDET

Karosseriewerk Reutter in Stuttgart
Mit Stolz und Leidenschaft: Im Sommer 1938 fertigten Reutter-Mitarbeiter wöchentlich zwei Karosserien des Porsche Typ 60 (VW 38) für Test- und Probefahrten. (© RECARO).

Die Idee war bestechend: Lasst uns einen Kleinwagen bauen, der so kostengünstig ist, dass ihn sich viele Menschen leisten können. 1932 nahm diese Idee erstmals Gestalt an, sechs Jahre später rollten die ersten Volkswagen-Prototypen zu Werbezwecken durch Berlin. Die Konstruktion stammte aus dem Ingenieurbüro von Ferdinand Porsche. Ihre Karosserien kamen von Reutter, dem Vorgängerunternehmen von RECARO. Im zweiten Teil des Rückblicks auf die gemeinsame Geschichte mit Porsche verfolgt RECARO heute die packende Geburt einer automobilen Legende, die vor genau 80 Jahren erstmals der Öffentlichkeit präsentiert und später unter dem Namen VW Käfer ein Welterfolg wurde.

Zündapp aus Nürnberg hatte ihn. NSU aus Neckarsulm hatte ihn auch. Den Gedanken, einen modernen, preislich attraktiven Kompaktwagen auf den Markt zu bringen, der große Käuferschichten ansprechen sollte. Beide Unternehmen scheiterten, weil die für eine Großserienproduktion nötigen Investitionen ihre Möglichkeiten überstiegen. Beide Male – ab 1931 für Zündapp, ab 1933 für NSU – waren Ferdinand Porsche und sein Konstruktionsbüro mit im Boot. Beide Male beauftragte Porsche das Stuttgarter Karosseriewerk Reutter mit dem Bau von Prototypen.

Den dritten Anlauf nahm Ferdinand Porsche höchstpersönlich – seine Handschrift und die seines Teams hatte die bisherigen Entwürfe bereits unverkennbar geprägt, beispielsweise mit einem Vierzylinder-Boxermotor im Heck und einem neuen, stromlinienförmigen Design. Er präsentierte das Kleinwagenprojekt in Berlin und erhielt im Juni 1934 den Auftrag, einen Volkswagen zu konstruieren. Die geplante Jahresproduktion von einer Million Fahrzeugen, das „Neuland Vollblechkarosserie“ (anstelle der bis dahin üblichen Holz-Blech-Gerippe) und die Verkaufspreis-Obergrenze von 1.200 Reichsmark stellten jedoch alle beteiligten Unternehmen vor große Probleme. Erste Prototypen konnten die Anforderungen nicht erfüllen, Porsche setzte bei der Konstruktion nochmals den Rotstift an, um Material und damit Kosten zu sparen.

Ur-Form: Limousine des Volkswagens (VW 38 bzw. Porsche Typ 60) aus dem Vorserienbau beim Stuttgarter Karosseriewerk Reutter. (© RECARO)

Ur-Form: Limousine des Volkswagens (VW 38 bzw. Porsche Typ 60) aus dem Vorserienbau beim Stuttgarter Karosseriewerk Reutter. (© RECARO)

Ende der 1930er Jahre kam Reutter wieder ins Spiel. Das florierende Karosseriewerk war an seinem Stammsitz in der Stuttgarter Augustenstraße aus allen Nähten geplatzt und hatte 1937 ein neues Werk in Zuffenhausen in Betrieb genommen. 850 Mitarbeiter produzierten an beiden Standorten Karosserien in Einzel- und Serienanfertigungen, unter anderem für Wanderer, Daimler-Benz und BMW. Als sich im gleichen Jahr die Dr. Ing. h. c. Ferdinand Porsche GmbH auf dem Nachbargrundstück in Zuffenhausen ansiedelte, gaben die Nähe und die gute Zusammenarbeit aus den Vorjahren vermutlich den Ausschlag: Ferdinand Porsche ging zu Reutter, um eine neue – die insgesamt siebte ­– Prototypenserie des Volkswagens bauen zu lassen. Volltreffer! Ein erstes Modell, von Reutter komplett aus Holz gefertigt, minimale Änderungswünsche – und die endgültige Form stand fest.

Zur Grundsteinlegung des geplanten Volkswagenwerks in Fallersleben sollte die Öffentlichkeit erstmals den heiß ersehnten Blick auf das neue Auto werfen dürfen. Hinter verschlossenen Hallentoren und von Tüchern verhüllt baute Reutter eine Limousine und eine Cabrio-Limousine als Präsentations-Prototypen auf. Vor genau 80 Jahren, am 26. Mai 1938, waren sie die große Attraktion beim Festakt in Fallersleben (heute ein Stadtteil von Wolfsburg). Anschließend fertigte Reutter unter strengster Geheimhaltung über 40 weitere Prototypen des Volkswagens für Probefahrten, unter anderem für die Internationale Automobil Ausstellung in Berlin 1939.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der eigentliche Siegeszug des Volkswagens, später: VW Käfer, der in der nahezu unveränderten „Urform“ bis 1959 in Wolfsburg gebaut wurde. Eine deutsche Automobil-Ikone: Bis zum Produktionsende in Brasilien 2003 wurden weltweit rund 21,5 Millionen VW Käfer verkauft. Welche Rolle Reutter beim ersten „echten“ Sportwagen-Meilenstein von Porsche, dem Typ 356, spielte, lest ihr nächste Woche hier im RECARO Blog.

Als Ausstellungswagen auf Werbetour unterwegs: der neue Volkswagen. (© Automuseum Prototyp, Bestand Stavenhagen)

Als Ausstellungswagen auf Werbetour unterwegs: der neue Volkswagen.
(© Automuseum Prototyp, Bestand Stavenhagen)

Brücke zur Zukunft: Vorserienfahrzeug des Volkswagens in der Ausführung „Sonnendach-Limousine“ aus der Reutter-Fertigung – im Hintergrund das neue Volkswagenwerk im Bau. (© Automuseum Prototyp)

Brücke zur Zukunft: Vorserienfahrzeug des Volkswagens in der Ausführung „Sonnendach-Limousine“ aus der Reutter-Fertigung – im Hintergrund das neue Volkswagenwerk im Bau. (© Automuseum Prototyp)

The one and only: Als einziger aus seiner Baureihe erhaltener VW 39 steht dieser Ur-Käfer im Automuseum Prototyp in Hamburg. (Foto: Automuseum Prototyp, © Jan Steinhilber)

The one and only: Als einziger aus seiner Baureihe erhaltener VW 39 steht dieser Ur-Käfer im Automuseum Prototyp in Hamburg. (Foto: Automuseum Prototyp,
© Jan Steinhilber)

 

70 JAHRE PORSCHE SPORTWAGEN – 70 JAHRE GEMEINSAME GESCHICHTE(N)

Karosseriewerk Reutter in Stuttgart
Porsche und Reutter: Das Karosseriewerk Reutter in Zuffenhausen war Geburtsort automobiler Sportwagenträume (Foto: RECARO).


Seit sieben Jahrzehnten bringt Porsche Automobil gewordene Träume auf die Straße. Diese Faszination für sportliches Fahren treibt auch RECARO Automotive Seating an – die Verbindung zwischen den beiden Unternehmen geht jedoch viel weiter. Viel weiter zurück nämlich, bis in die frühen Jahre des Automobilbaus.

Wir nehmen euch heute und an den kommenden drei Freitagen hier im RECARO Blog mit in diese Zeit – und tauchen ein in faszinierende Automobilgeschichte. Der berühmte Satz von Ferry Porsche – der von einem Sportwagen träumte und beschloss, ihn selbst zu bauen, nachdem er ihn nicht finden konnte – wird auch heute noch häufig zitiert. Hier erfahrt ihr unter anderem, welche im Wortsinn prägende Rolle das Stuttgarter Karosseriewerk Reutter (aus dem 1963 RECARO wurde) dabei spielte.

Schon 1906 hatte er eine klare Vorstellung von der Mobilität der Zukunft: Wilhelm Reutter wollte weg von der Pferdekutsche, er wollte Automobilkarossen bauen. Der junge Sattlermeister machte sich selbstständig, knüpfte Kontakte zu den Chassis- und Motorenherstellern seiner Zeit, akquirierte Aufträge. Er realisierte neue, scheinbar verrückte Ideen, zum Beispiel die patentierte „Reutter-Reformkarosserie“, ein Klappverdeck – heute als Cabrio weitverbreitet. Seine Kombination aus handwerklich solider Qualitätsarbeit und innovativem Vordenken war äußerst erfolgreich: Bereits in den 1920er Jahren arbeitete das „Stuttgarter Karosseriewerk Reutter & Co. GmbH“ für alle renommierten deutschen Automobilhersteller wie Daimler, Benz, Wanderer, BMW, Opel, Adler oder Horch.

Auch ein deutscher Ingenieur, der im Dezember 1930 sein eigenes Konstruktionsbüro gründete, kannte Reutter und schätzte dessen hervorragende Arbeiten: Ferdinand Porsche. Sein Team konstruierte Motoren für verschiedene Auftraggeber, die meisten dazugehörigen Karosserien ließ Porsche ab 1931 bei Reutter bauen. Zum Beispiel den Prototyp für eine Stromlinienkarosserie – der Wagen ging nie in Serie, aber Ferdinand Porsche nutzte das extravagante Einzelstück lange Jahre als Privat- und Dienstfahrzeug.

In den späten 1930er Jahren intensivierte sich die Zusammenarbeit zwischen Porsche und Reutter nochmals, als die neue Reutter-Fabrik in Zuffenhausen, nur durch eine Straße vom benachbarten Porsche-Werk getrennt, ihre Produktion aufnahm. So entstand hinter verschlossenen Reutter-Hallentoren und unter strengster Geheimhaltung eine Reihe unterschiedlicher Prototypen für den sogenannten „Volkswagen“ – wie diese spannende Geschichte weiterging, lest ihr nächste Woche hier im RECARO Blog.